Wirtschaft

Die juristische Grundlage für die planmäßige Besiedlung des eroberten Pruzzenlandes war für die meisten Ortschaften das nach der ersten vom Orden gegründeten Stadt benannte Kulmische Recht (Kulmer Handfeste), eine Modifikation des Magdeburger Stadtrechts, welches den Bürgern Selbstverwaltung und eigene Gerichtsbarkeit sicherte (analog dazu in Livland das Rigaer Recht = Lübecker Stadtrecht). Das Land wurde dem Siedler zwar zu erblichem Besitz verliehen, der Orden behielt sich jedoch das letztliche Eigentumsrecht über Grund und Boden vor. An die Verleihung waren bestimmte, dem Orden zu Reallasten gebunden wie z. B. ertragsabhängige Naturalabgaben, Geldleistungen oder Kriegsdienst.

Die für die Landzuteilung benötigten Längen- und Flächenmaße errechneten sich im gesamten Ordensgebiet nach dem kulmischen Maß:

Längenmaße:
1 Rute entspricht 7,5 Ellen entspricht 15 Fuß
1 Rute = 4,34 m 1 Elle = 0,58 m 1 Fuß = 0,29 m
     
Flächenmaße:
1 Hufe entspricht 30 Morgen entspr. 300 Quadratruten
1 Hufe = 16,81 ha 1 Morgen= 0,56 ha 1 Quadratrute = 18,68 m²
     
1 Haken entspricht 20 Morgen entsp. 200 Quadratruten
1 Haken = 11,21 ha    

Die Gründung neuer Siedlungen war straff durchorganisiert. Sie erfolgte jeweils durch eine bestimmte Gruppe von Bauern, angeführt von einem Bauernmeister, dem sogenannten Lokator. Dieser war der eigentliche Vertragspartner des Ordens und mit ihm wurden die Größe, Leistungen und Regalien (Rechte zum Betreiben einer Mühle, Brauerei, Schänke etc.) des neuen Dorfes und dessen Bewohnern ausgehandelt. Zumeist haben die Neusiedler noch das Recht, in den meist reichlich vorhandenen umliegenden Gewässern unentgeltlich für den Eigenbedarf Fischfang zu treiben.

Dorfgründung. Der Oberherr des Dorfes erteilt dem Lokator das Erbzinsrecht durch ein Dokument ("ego dei gratia") mit angehängtem dreieckigem Siegel
Aus der Heidelberger Handschrift des Sachsenspiegels

Die Gemarkung eines solchen Dorfes hatte im Schnitt eine Fläche von 40 - 60 Hufen. Nachdem der Lokator seinen Anteil gewählt hatte, verteilte er die Fläche an die übrigen Siedler, deren Anteil bei 2 - 2,5 Hufen pro Familie liegt.
Zwischen 1280 und 1400 wurden so im Ordensgebiet rund 60 Ordensburgen, 90 Städte und 1500 Dörfer gegründet. Die Rodungs- und Meliorationsarbeiten dehnten sich über das gesamte preußische Land aus. Das Weichseldelta wurde aus einem riesigen Sumpfgebiet 150000 ha Ackerland gewonnen. Es verwandelte sich in die Kornkammer Preußens und, nach den Exportzahlen, wohl auch West- und Mitteleuropas.
Ein ähnliches Projekt, nämlich die Urbarmachung des Memeldeltas konnte nicht mehr verwirklicht werden.

Bauern und Pflug des 13. Jahrhunderts
Aus der Heidelberger Handschrift des Sachsenspiegels

Demgegenüber waren die altpreußischen Einwohner des Landes besonders seit dem zweiten großen Pruzzenaufstand von 1260 benachteiligt. Ihnen stand lediglich nur je rund eine Hufe zur Bewirtschaftung zur Verfügung und rechtlich galten sie als Unfreie. Erst im Verlaufe des 14. Jahrhunderts besserte sich ihre Lage bis sie schließlich den deutschen Kolonisten gänzlich gleichgestellt wurden.

Die riesigen Domänen der den einzelnen Ordensburgen angeschlossenen Wirtschaftshöfe fungierten als landwirtschaftliche Großbetriebe. Auf ihren insgesamt 110000 ha Land wurden 13000 Pferde, 10000 Rinder, 19000 Schweine und 61000 Schafe gehalten. Großen Wert legte die Ordensleitung auf eine eigenständige Pferdezucht. Dabei wurden in den 61 Gestüten sowohl die zähen, kleinen einheimischen Swoyken als auch schwere Schlachtrösser für die Ordensritter gezüchtet.
Im Normalfalle befanden sich die Wirtschaftshöfe in unmittelbarer Nähe zum Ordenshause. Bei den preußischen und livländischen Grenzburgen war es jedoch aus Sicherheitsgründen erforderlich, diese ins Hinterland zu verlegen. Der Wirtschaftshof der Festung Ragnit lag beispielsweise im 80 km entfernten Labiau.

Auf Grund der Naturgegebenheiten mangelte es für den Bau der gewaltigen Ordenshäuser an Natursteinen. Demzufolge entschied man sich schon früh für den Bau gigantischer Ziegeleien. Das Fassungsvermögen derer von Mösland und Bütow betrug 75000 bzw. 40000 Ziegel. Parallel zum Baugewerbe entwickelte sich das der Schlosser und Tischler.

Im Gefolge der verlorenen Kriege des 15. Jahrhunderts, durch Brandschatzungen, Reparationsleistungen und daraus resultierend der Einführung von direkten Steuern fiel die blühende Wirtschaft des Ordensgebietes allmählich wieder auf den europäischen Durchschnitt zurück.