Vorgeschichte und Anfänge - Überblick

Die Entstehung des Ordensstaates ist ohne die Kreuzzugsbewegung undenkbar, die ihrerseits wiederum vielfältige Ursachen hat. Dabei ist zu beachten, dass man die Vorgänge nur aus ihrer Zeit heraus, den Menschen die in ihr lebten und deren Geist beurteilen kann und nicht, wie jetzt so oft geschieht, menschliche Geschichte ex post von einem sich höher dünkenden moralischen Standpunkt in Gut und Böse einzuteilen. Derlei Bestrebungen sind völlig ahistorisch, meist aus einer mit ganz profanen Machtinteressen gepaarten Selbstgerechtigkeit heraus entstanden und verkehren das ursprünglich vielleicht tatsächlich gewesene Ziel, aus der Geschichte die richtigen Schlüsse ziehen zu wollen in ihr genaues Gegenteil. Die Geschichte der Kreuzzüge und mit ihr die des deutschen Ordensstaates ist schon länger Gegenstand oder sollte man besser sagen, Opfer solcher neuzeitlichen Umdeutungsversuche ideologisch geprägter Geschichtsschreibung, gleich welcher politischen Richtung. Sie ist aber beileibe nicht deren einziges und nicht einmal das bedeutendste Opfer...

Die Bewegung war ursprünglich ausgegangen von einem Gefühl überschießender religiöser Kraft, dem dann die Kirche ein bestimmtes Ziel wies. In einzelnen Gegenden beförderte wohl auch die Übervölkerung diese neue Form der "Auswanderung". Denn etwas völlig neues waren diese Fahrten nicht: weder nach der materiellen Seite, denn Auswanderungen, Wanderzüge landsuchenden Volkes hatten seit der Völkerwanderung niemals völlig aufgehört - noch nach der idealen, denn lange vor 1096 hatten sich alljährlich im Frühling Schwärme von Jerusalemfahrern in den italienischen Häfen gesammelt. Was sie so bedeutungsvoll machte, war, dass die Idee der Wiedereroberung des heiligen Landes zur eigentlichen Modeidee wurde und längere Zeit blieb und dass sich alle möglichen Leidenschaften und Triebkräfte der Seele, die besten und die schlimmsten, die höchsten und die niedrigsten, mit dieser Idee vermengten, ihr dienstbar wurden, von ihr die Farbe erhielten und dafür auch oft genug der frommen Idee ihr eigenes sehr weltliches Wesen unterschoben. Alles, die derbe physische Kraft und sinnliche Auffassung auch des Heiligen, die grobe Unwissenheit und mangelnde Bildung, welche Hohe und Niedere, Geistliche und Weltliche gleichmäßig den Vorspiegelungen einer von allen Seiten aufgetürmten Phantasie unterwarf, die naive, kindliche Frömmigkeit wie die ebenso naive und kindliche Freude am Neuen, Exotischen - alles förderte diese Bewegung, deren Grundlage der Glaube an das Übernatürliche, ein Glauben war, von dessen Stärke sich unsere Zeit keinen Begriff mehr machen kann. Zunächst diente die Verwirklichung der großen theokratischen Idee notwendig dazu, die phantastisch-fromme Richtung der Gemüter auf die Spitze zu treiben: und so ist diese Zeit die Periode der höchsten Macht der Kirche und ihrer Organe. Mit derselben naiven Kühnheit, mit welcher die Päpste jener Zeit das Weltregiment in Anspruch nahmen, mit derselben Naivität führten päpstliche Legaten, Patriarchen und in niederer Region Eremiten und Mönche große Heere an und usurpierten die Leitung militärischer Operationen, von denen sie gar keinen Begriff hatten. Die Opfer waren dementsprechend. Schwerlich wird es während des gesamten Mittelalters andere Kriegsunternehmungen oder Wanderzüge gegeben haben, die auch nur annähernd von einem gleich ungeheuren Verlust an Menschenleben und gleicher Häufung menschlichen Elends begleitet gewesen wären, und ebenso keine, bei denen der schließliche Erfolg oder Nichterfolg in einem so kläglichen Missverhältnis zu den in Bewegung gesetzten Kräften gestanden hätte.

In Reaktion auf das eben genannte Stürmisch-chaotische der Anfangsjahre dieser Bewegung entstanden bald nach den ersten Erfolgen und Misserfolgen der Kreuzfahrer hauptsächlich auf Initiative aus ihren eigenen Reihen heraus die ersten geistlichen Ritterorden. Zunächst nur gebildet um Pilgern auf ihrem Wege nach Jerusalem Schutz zu gewähren (Templer) oder medizinische Hilfe zuteil werden zu lassen (Johanniter), wurden sie rasch zu den einzigen stabilisierenden Elementen für die labilen Gebilde der orientalischen Kreuzfahrerstaaten, welche die gesamte Zeit ihrer Existenz auf den unregelmäßigen Nachschub zumeist undisziplinierter Scharen von Kreuzfahrern angewiesen waren. Der Grund hierfür war die innere Kraft ihrer nach strengsten Kriterien ausgewählten Mitglieder, die ihnen bei der Ausformung dieser Körperschaften aus einer Mischung von feudaler hierarchischer Ordnung, tiefem Glauben und mönchischer Zucht erwuchs.
All dies änderte jedoch nichts an der destruktiv-räuberischen Grundnatur der meist von französischen Feudalherren dominierten Kreuzfahrerstaaten, die letztlich zu ihrem Scheitern und damit zum Ende der ganzen Bewegung führte. Die Versuche der großen Ritterorden dauerhaft und staatstragend oder staatsbildend im heiligen Lande Fuß zu fassen missglückten weitgehend.

Einen anderen Weg schlug der relativ spät gegründete Deutsche Orden ein. In seinen Intentionen und Handlungen zunächst vollständig in der Tradition der Templer und Johanniter stehend, begann sein wirklicher Aufstieg eigentlich erst mit dem Ende der Kreuzfahrerstaaten. Durch frühzeitige Verlagerung seines Handlungsschwerpunktes nach Mittel- und Nordosteuropa wuchs dem Orden bei der Christianisierung und Kolonisierung dieses Raumes die Hauptrolle zu. Unter Berücksichtigung aller dabei gemachten Fehler kam es hier unter seiner Führung zu einer gewaltigen kulturellen und zivilisatorischen Aufbauleistung, die ihresgleichen sucht und bis ins 20. Jh. hinein Bestand hatte.