Das Rittertum

Gewappneter Ritter, nach einer oberitalienischen Miniatur

Der Name Ritter (Eques, Miles) bezeichnet zunächst nur den einem adligem Oberherren (Fürst, Markgraf, Graf) zum Reiterdienst verpflichteten und mit dem entsprechenden Lehen ausgestatteten Mann. Die Ritter waren also nur zum geringeren Teil selbst adlig, ja sie waren oft nicht einmal Freie. In der Natur der Kriegführung jener Zeit nun lag es, dass die gepanzerten Reiter, der einzige wirklich organisierte Teil und einigermaßen disziplinierte Teil der Heere, durch dessen Bravour die Schlachten entschieden wurden, sich elitär abhoben von der gemeinen Masse der Mitziehenden. Die Gemeinsamkeit des Zweckes, die Gewohnheit des gemeinsamen Kriegs- und Lagerlebens, die wesentliche Gleichartigkeit ihrer nicht sehr hohen Bildung ließ den Stan-desunterschied zwischen diesen Kriegern selbst zurücktreten. Sie lernten sich um so mehr als einen Stand, eine Gesellschaftsklasse fühlen, als in den Heeren der verschiedenen europäischen Völker überall dieselben gesellschaftlichen Zustände zu Tage traten. Eine gemeinsame Sitte, gemeinsame Begriffe, Spiele, Tugenden usw. erzeugten sich auf diesen abenteuerlichen Zügen in die Ferne und bildeten sich in den Kämpfen mit dem Sarazenentum, welches seinerseits dem Rittertum verwandte Elemente in sich barg heraus.

Ritterschlag auf dem Schlachtfelde

Bedeutungsvoll war zunächst, dass gegenüber dem asketischen Lebensideal, welches seither das höchste bedeutet hatte, das kriegerische, weltliche, der natürlichen Lust am Dasein zugewandte menschliche Tun und Treiben in seine Rechte trat. Man legte nicht nur auf ritterliche Tapferkeit Wert, sondern auch auf ein höfisches, standesgemäßes Betragen im ganzen Auftreten. Eine Art Kodex des Wohlanständigen bildete sich: Von der Einhaltung gewisser Regeln im Essen und Trinken bis zu den Gesetzen, welche das Verhalten dem überwundenen Gegner gegenüber beim ritterlichen Spiel des Turniers und selbst im Ernstfall des Krieges und der Fehde bestimmten.

Mit der Gestaltung einer solchen konventionellen feinen Sitte traten auch die Frauen, welchen die frühere Anschauung (im romanischen Kulturraum) nur einen beschränkten Einfluss gestattet hatte, wieder in eine Stellung, in der sie eine heilsame Wirkung in einem tieferen Sinne ausüben konnten.

Erziehung
Schwertleite

Die Erziehung für den ritterlichen Stand begann früh. Der Knabe tat zuerst Pagendienste am Hof eines Edlen, wo er die Feinheiten rittermäßiger Lebensart kennen lernte, diente dann weiter als Knecht oder Knappe, als Waffenträger, Pfleger des Streitrosses, vertrauter Diener oder Bote, und hier lernte er auch die ernsteren Seiten und strengeren Erfordernisse des Dienstes, bis eine Gelegenheit sich fand, sei es ein Turnier zur Feier einer fürstlichen Vermählung oder auch ein großer Massenzusammenstoß im ernsthaften Kriege, wo er unter den vorgeschriebenen Zeremonien zum Ritter geschlagen wurde und damit in die vollen Rechte des bevorzugten Standes trat. Dass dabei auch die äußerlichen Abzeichen, die Farben, die Wappenschilde, die Helmzier und sonstige Abzeichen, auch gewisse Worte und Formeln eine große Rolle spielen, lässt sich denken.

Turnier

Gepflegt wurde dieses Standesgefühl und alle ritterlichen Sitten ganz besonders bei den Turnieren oder Ritterspielen, welche um 1200 die große Leidenschaft der Zeit bildeten. Es war die Angelegenheit einer ganzen Landschaft, welcher Ritter im Einzelkampf das Beste getan, welche Partei beim Massenkampf die meisten Gefangenen gemacht, die herkömmlichen Bewegungenam besten ausgeführt habe. Die Wetten und Preise spielten eine Rolle und es war nicht immer der Ehrgeiz und der Dienst einer Dame, welche renommierte Kämpen von einem Turnierplatz zum nächsten trieben. Es gab gemeine Gesellen, welche aus ihrer Virtuosität im "Tjostieren" und "Buhurtieren" ein gewinnbringendes Gewerbe machten.

Turnier, 13. Jh. Elfenbeinschnitzerei von einem Kästchen
Turnier, 13. Jh. Elfenbeinschnitzerei von einem Kästchen

Wenn das Werben um Hofgunst, der Ritterstolz, der Dienst um die Huld vornehmer Frauen in vielen Fällen eine erziehende Kraft von nicht zu unterschätzender Bedeutung entwickelte, so versagte doch diese Kraft häufig genug und schlug in ihr Gegenteil um: Man legte übertriebenen Wert auf Äußerlichkeiten; das Werben um Fürstengunst wurde zu Schmeichelei und Servilität, der Ritterstolz zur Brutalität dem Schwächeren gegenüber. Mehr und mehr wurden an zahlreichen Orten die Ritter einer Landschaft deren Tyrannen und traten in einen augenfälligen und verderblichen Gegensatz zu den erwerbenden Ständen, den Bauern und Städtebürgern.

"Frauendienst"

Was aber den "Frauendienst" betrifft, so wird man sagen müssen dass einer sorgfältigen Betrachtung mehr Schatten als Licht entgegentritt. Dem ernsten und geregelten Familienleben waren die Kreuzzüge, die den Mann auf lange Monate oder Jahre seinen Pflichten entzogen überaus verderblich und in ihrem ganzen Wesen feindlich. Die eleganten Damen der Provence und der Normandie gaben oft begründeten, mitunter auch wohl unbegründeten Anlass zu skandalösem Klatsch. Und was wir von der Sittlichkeit in den syrisch-palästinensischen Kolonien wissen, dass man sich mit den Pflichten des Christentums, die schwerer zu erfüllen sind, als tollkühnes Anrennen gegen feindliche Scharen, gemeinhin sehr leicht abfand. Außerdem verlor sich dieser Frauendienst, vor allem seitdem das Turnierwesen überhand nahm, ins Alberne und Fratzenhafte.

Die Frau im Schutze der Ritterlichkeit. Miniatur aus einem Psalter der Nationalbibliothek zu Paris
Die Frau im Schutze der Ritterlichkeit.
Allegorische Miniatur aus einem Psalter der Nationalbibliothek zu Paris

Im "Frauendienst" des österreichischen Ritters Ulrich von Liechtenstein (gest. 1276) entfaltet sich zum Beispiel in voller Breite das Geistlose und Läppische dieser Galanterie: Selbst verheiratet zieht er als Frau Venus verkleidet im Dienst der Frau eines anderen von Turnierplatz zu Turnierplatz, um ihr zu Ehren in ungefährlichem Kampfspiel sinnlos Speere zu brechen. Dies war noch das Wenigste. In den höheren Kreisen der Gesellschaft entwickelte sich unter französischem Einfluss noch ein Element der Korruption, das unter der Maske überschwenglicher Verehrung der Frau ganz gewöhnliche Begierde und anzügliches Getändel barg.

Marienverehrung

Etwas von diesem Geist drang auch in den Kult der heiligen Jungfrau Maria ein, dessen Entstehung in diese Periode fällt. Man muss aber zugleich zugeben, dass in der Anbetung der jungfräulichen Gottesmutter ein veredelndes Element gegeben war: Mitten in dieser gewalttätigen Zeit brachten diese brutalen Krieger, welche den Schwertkampf fast für den einzigen Lebenszweck anzusehen geneigt waren, einen Zoll höchster Andacht einem Idealbild weiblicher Milde und Reinheit dar.

Auf den Komplex der ritterlichen Dichtung und Literatur, das Wesen der Troubadours und Minnesänger und deren Einfluss auf die Erweiterung des geistigen Horizontes in diesen Jahrhunderten sei hier nicht näher eingegangen. Das ist Stoff für eine eigene Webseite.