Beitrag entnommen der Bertelsmann Lexikothek, Gütersloh 1990

Deutscher Orden

Deutscher Ritterorden, Deutschritter, Deutschherren, Marienritter, Orden des Spitals Sankt Mariens vom Deutschen Hause in Jerusalem,
eigentl. Ordo Theutonicorum, Fratres domus bzw. Ordo Sanctae Mariae Theutonicorum
Ordenskleid: weißer Mantel, schwarzes Kreuz.
Schutzpatronin: Hl. Jungfrau Maria

Jüngster (nach Templern und Johanniterorden) in Palästina während der Kreuzzüge entstandener geistlicher Ritterorden; 1190 vor Akkon als Spitalbrüderschaft von deutschen Kaufleuten gegründet, 1198 in einen geistlichen Ritterorden umgewandelt. Der Deutsche Orden erwarb Besitz im Mittelmeerraum (Palästina, Syrien, Griechenland, Sizilien, Apulien, Spanien), in Frankreich, vor allem aber in Livland, Preußen und Deutschland. An seiner Spitze stand der vom Generalkapitel (später oft Großkapitel genannt) auf Lebenszeit gewählte Hochmeister, beraten von den 5 Großgebietigern: Großkomtur (Stellvertreter des Hochmeisters, innere Verwaltung), Marschall (Kriegswesen), Spittler (Wohlfahrtswesen), Trappier (Bekleidungswesen) und Tressler (Finanzen). Die Zusammensetzung des Generalkapitels wurde vom Orden im ganzen Mittelalter nicht gesetzlich geregelt; ihm gehörten unter anderen der Landmeister für Livland sowie der Deutschmeister an. Eine Ordensprovinz, Ballei genannt, wurde vom Landkomtur, ein Haus mit einem vollständigen Konvent von einem Komtur geleitet. Es gab Ritter-, Priester- und dienende Brüder, seit dem 14. Jahrhundert auch Schwestern.

Der erste Sitz des Hochmeisters war Akko, seit 1291 Venedig, seit 1309 die Marienburg, seit 1457 Königsberg. Der vierte Hochmeister, Hermann von Salza, wurde 1211 vom König von Ungarn mit der Christianisierung der Kumanen im siebenbürgischen Burzenland beauftragt, aber 1225 wieder verdrängt, da die beginnende Territorialbildung dem ungarischen Königtum und Adel zu gefährlich erschien.

Als der Orden 1225 von Herzog Konrad von Masowien zur Christianisierung der Pruzzen gegen Überlassung des Kulmerlandes gerufen worden war, verlieh Kaiser Friedrich II. durch die Goldbulle von Rimini 1226 dem Hochmeister für dieses als zum Imperium gehörig bezeichnete Land landesherrliche Hoheitsrechte; die Kurie nahm 1234 das Ordensland unter ihren Schutz. Die Eroberung Preußens begann unter dem Land- und Deutschmeister Hermann Balk von der Weichsel her (Burgen 1231 in Thorn, 1232 in Kulm, 1233 in Marienwerder). Die Aufnahme des Schwertbrüderordens in Livland 1237 erbrachte dessen unter der Lehnshoheit des Erzbischofs von Riga stehendes Landdrittel Livlands; ein Vorstoß auf Nowgorod scheiterte 1242 in der Schlacht auf dem Eis des Peipussees. Ebenso wenig gelang die Christianisierung und Unterwerfung Litauens. Kurland wurde 1267, Sudauen 1283, Semgallen 1290 erobert, 1309 (endgültig 1343) wurde Pommerellen mit Danzig erworben, 1346 Nordestland von Dänemark, 1398 Gotland und 1402 als Pfandbesitz die brandenburgische Neumark (bis 1455). Damit war die größte Ausdehnung des Ordensgebiets erreicht. Seine innere Konsolidierung war das Werk des Hochmeisters Winrich von Kniprode (1351-1382).

Der Hochmeister war als Führer des Ordens zwar nicht Reichsfürst, mit dem Ordensland auch nicht vom Kaiser belehnt, aber der Ordensstaat galt als zum Reich gehörend. Die Leistung des Ordens als staatsbildender Faktor, in Kunst, Literatur u. Wissenschaft, bei der Christianisierung und Kultivierung des Landes ist bedeutend. Die Gründe für den inneren Niedergang sind in der mangelnden Verwurzelung der zur Ehelosigkeit verpflichteten Ordensangehörigen im Land und im Wegfall der ursprünglichen Aufgabe nach der von Polen her erfolgenden Christianisierung der Litauer zu suchen, für den äußeren in der übermächtigen Umklammerung nach der Vereinigung Polens und Litauens 1386.

1410 unterlag der Orden unter Hochmeister Ulrich von Jungingen bei Tannenberg zum ersten Mal Polen und Litauen. Heinrich von Plauen, der die Marienburg erfolgreich verteidigt hatte, versuchte vergeblich, den Orden zu reformieren. Als er zum Krieg gegen Polen rüstete, wurde er 1414 von einer Friedenspartei gestürzt. Die mit der Ordensherrschaft unzufriedenen Stände (Adel und Städte) schlossen sich 1440 zum Preußischen Bund zusammen, suchten und fanden Rückhalt bei Polen und bekämpften 1454-1466 den Orden, der im 2. Thorner Frieden Polen das Kulmerland, das Ermland und Pommerellen mit Danzig, Elbing und der Marienburg abtreten sowie die polnische Oberhoheit über seine restlichen Besitzungen anerkennen musste. Die Hochmeister Friedrich von Sachsen (1498-1510) und Albrecht von Brandenburg-Ansbach (1511-1525) versuchten vergeblich, Reichshilfe gegen Polen zu erlangen. Im Anschluss an die Reformation säkularisierte Albrecht 1525 das preuß. Ordensgebiet u. nahm es als erbliches Herzogtum von Polen zu Lehen.

Kaiser u. Papst haben diesen Akt nie anerkannt. In Livland konnte der Landmeister Wolter von Plettenberg († 1535) die Herrschaft gegen Rußland und Polen noch behaupten; 1562 nahm Gotthard Kettler Kurland von Polen zu Lehen; Livland fiel an Polen, Estland an Schweden. Der kath. gebliebene Teil der Ordensritter behauptete sich im Besitz der Ordensgüter in Dtschld. u. erhielt im 17. Jh. noch einmal eine große Aufgabe in den Türkenkriegen. Sitz des Deutschen Ordens wurde Mergentheim; 1809 löste Napoleon ihn auf. In Österreich nahm Franz I. den Deutschen Orden unter seinen Schutz und garantierte ihm seine Besitzungen; bis 1918 war stets ein österr. Erzherzog Hochmeister ("Hoch- u. Deutschmeister"). 1929 wurde der im 19. Jahrhundert wieder aufgeblühte priesterliche Zweig des Ordens in einen rein geistlichen Orden mit dem alten Namen Brüder des Deutschen Ordens Sankt Mariens zu Jerusalem vom Papst umgewandelt; Sitz in Wien. Der Deutschherrenorden (als Laienorden) wurde 1960 neu gebildet; Sitz: Frankfurt a. M.

L i t. : H. Boockmann, Der Dt. Orden. 198 1. - M. L Favreau, Studien zur Frühgeschichte des Dt. Ordens. 1974. M. Tumler, Der Dt. Orden. 1955. - K. Wieser (Hrsg.), Acht Jahrhunderte Dt. Orden in Einzeldarstellungen. 1967 - J. Wojtecki, Studien zur Personalgeschichte des Dt.Ordens im 13. Jh. 197 1. - H. Zimmermann, Der Dt. Ritterorden in Siebenbürgen. In: J. Fleckenstein, M. Hellmann (Hrsg), Die geistl. Ritterorden Europas (Vorträge u. Forschungen Bd. 26).1980.