Ketzerkreuzzüge und Kinderkreuzzug

Albigenserkreuzzug 1209

In der zweiten Hälfte des 12. Jh. hatten sich vor allem in Südfrankreich verschiedene häretische Strömungen gebildet, die sich gegen Lehre und Praxis der Amtskirche richteten. Es waren dies die Katharer mit dem Mittelpunkt Toulouse und die Waldenser um Raum um Albi, wodurch sie der ganzen Bewegung ihren Namen gaben. Erstere vertraten ein dualistisches Prinzip mit einem guten und einem bösen Gott, leugneten das Menschsein Jesu, verwarfen Ehe und Fleischverzehr und vollzogen die Geistestaufe (consolamentum) durch Handauflegen. Ihre Gemeinschaft war so zahlreich, dass sie eine eigene Kirchenorganisation mit Bischöfen und Synoden aufbauen konnten.
Der schlichten und tiefen Wahrheit biblischen Christentums näher standen die Waldenser, gegründet um 1170 von dem Lyoner Kaufmann Pierre de Vaux (= Petrus Waldus). Nach den Worten der Schrift vom reichen Jüngling verteilte er was er hatte an die Armen und predigte. Vor diesem, dem Urchristentum zustrebenden Idealismus verschwanden die von der Kirche zwischen Mensch und Gott aufgerichteten Sekundärmächte: Keine Fürbitte der Heiligen, keine Absolution durch die Priester. Die Lüge war ihnen Todsünde, Eidschwur und Blutvergießen verboten. Der korrumpierten sichtbaren Amtskirche mit dem Papst an der Spitze stellten sie eine unsichtbare gegenüber. In ihrer eigenen Mitte unterschieden sie nach normalen Gläubigen und den Vollkommenen, die ehelos und arm wie die Apostel nur der Nachfolge Christi lebten.

Es hatte anfangs den Anschein als könnten sie in der Kirche bleiben. Aber bald war klar, dass sie von allen die gefährlichsten waren, weil sie am meisten recht hatten. In ihnen vor allen erkannte der paranoide Scharfsinn Innozenz' III. die Füchse, welche den Weinberg des Herrn verwüsteten. Anlass für ein militärisches Vorgehen gegen die Albigenser gab 1208 die Ermordung des päpstlichen Legaten Pierre de Castelnau durch einen Dienstmann des Grafen Raimond de Toulouse. Dieser stand beim Papst ohnedies im Verdacht der Ketzerei, weil er sich weigerte fleißige und harmlose Untertanen zu misshandeln oder misshandeln zu lassen.
Noch im gleichen Jahr wurde das Kreuz gegen die Häretiker gepredigt und im Juni 1209 sammelte sich bei Lyon ein Kreuzheer aus überwiegend nordfranzösischen Rittern unter Führung eines glaubenseifrigen Barons, des Grafen Simon de Montfort und eines fanatischen Mönches, des Abtes Arnaud de Citeaux.

Erstes Angriffsziel in diesem Kriege war Beziérs, Hauptstadt der gleichnamigen Vizegrafschaft. Bei der Erstürmung der Stadt sollen in einem beispiellosen Blutbad 20 000 Menschen ermordet sein sollen. Jegliche Skrupel, ob unter der Bevölkerung nicht wenigstens zehn Gerechte seien um derentwillen man der Stadt vergeben könne, schlug der päpstliche Legat mit den brutalen Worten nieder: "Schlagt alle tot! Der Herr wird die Seinen schon erkennen." Nach diesen Taten zur Rettung des rechten Glaubens zogen die meisten Kreuzfahrer wieder ab, so dass die Kirche erneut für die Ketzerbekämpfung werben musste.

Der Krieg, ein wilder Vernichtungs- und Plünderungskrieg zog sich mit wechselndem Glück noch über zwei Jahrzehnte hin, ehe die Kirche die Häresie endgültig unterdrücken konnte. Parallel dazu wurde der Wirtschaft dieses Gebietes schwerster Schaden zugefügt und die blühende Ritterkultur der Languedoc weitgehend vernichtet.

Stedingerkreuzzug 1234

Die Stedinger, freie Bauern in den Wesermarschen hatten sich fest in einer Gemeinschaft zusammengeschlossen und sich lange Zeit erfolgreich gegen Abgaben und Beeinträchtigung ihrer Rechte durch den Grafen von Oldenburg und den Erzbischof von Bremen gewehrt. Durch eine Bremer Synode waren sie zu Ketzern erklärt worden, obwohl von ernsthaften ideologischen Differenzen keine Rede sein konnte. Die Ketzerformel wurde immer mehr zur Verteufelung sozialer Forderungen missbraucht. Dies zeigt wie sehr und wie rasch dieser Kampf gegen die Häresie das sittliche Urteil verwirrte. Im Kreuzzugsaufruf wurden allen Teilnehmern die gleichen Privilegien der Jerusalemfahrer bewilligt.

Ein großes Ritterheer mit dem Herzog von Brabant und dem Grafen von Holland an der Spitze vollstreckte 1234 mit Raub, Mord und Brand das Urteil an dem unglücklichen Volk. Nach tapferer Gegenwehr unterlagen sie am 27. Mai bei Altenesch den "frommen Pilgern" und wurden "mit Weibern und Kindern vertilgt".

Kinderkreuzzug 1212

Die flammenden einzelnen Reden einzelner Kreuzprediger entfachten in dieser Zeit künstlich aufgeputschten Fanatismus' die Kreuzzugsbegeisterung auch in vielen kindlichen und jugendlichen Gemütern, deren Ergebnis in eines der traurigsten Kapitel der Kreuzzüge mündete.
Im Rheinland und in Frankreich rotteten sich große Scharen von Jungen und Mädchen zusammen. Von dem frommen Wahn erfüllt, dass den Unmündigen mit friedlichen Mitteln die Wiedergewinnung des Heiligen Landes beschieden sei, strebten sie nun, von einigen närrischen Mönchen geführt, dem Mittelmeer zu.

Die kirchlichen Gewalten selbst verhielten sich zweideutig, wie sie es in der Regel bei solchen Schwarmgeistereien tun. Die Bewegung selbst war ihnen zwar für ihre Zwecke willkommen und die Möglichkeit, dass Gott hier vielleicht wirklich durch die Kinder sich einen Ruhm zurichten wolle, mochten sie nicht leugnen, weil sie an solche Möglichkeiten glaubten. Sie schritten also nicht ein und ließen das Unheil bis zu einer Höhe anwachsen, wo sie es selbst bei vorhandenem Willen nicht mehr hemmen konnten.

An die unglücklichen Knaben- und Mädchenschwärme, die bis zu einer Menge von vielen Tausenden anschwollen, hängten sich liederliches, pädophiles Gesindel und gewissenlose Sklavenjäger. Der französische König Philipp II. erkannte die Sinnlosigkeit des Unternehmens und konnte einen Teil der französischen Kinder zurückhalten. Ein Teil der deutschen Kinder, geführt von einem Knaben Nikolaus aus Köln gelangte bis nach Brindisi, wo sie der dortige Bischof verständigerweise nicht weiter ließ.

Die meisten anderen, die nicht soviel Glück hatten gingen in Genua zu Schiff und wurden in die Sklaverei verkauft. Den Jammer und das Elend, dem diese bedauernswerten Opfer einer mehr und mehr Züge des Wahnsinns tragenden Bewegung anheim fielen, mag man sich nicht ausdenken. Soweit sie nicht rechtzeitig entkamen erwartete sie Tod, Vergewaltigung, Sklaverei und Prostitution.
Ob von ihnen jemand wirklich es schaffte bis nach Palästina zu gelangen ist fraglich.