Der vierte Kreuzzug 1202 - 1204

Die Indoktrination durch die Kreuzprediger und die mannigfachen Werbungen und Mahnschreiben Papst Innozenz' III. verfehlten ihre Wirkung nicht, so dass sich bis 1202 eine große Zahl von Franzosen, Oberitalienern und Deutschen zum Kreuzzuge bereit erklärte.
Nach den Erfahrungen Barbarossas wollte man bei der neuen Expedition den Landweg vermeiden und so setzten sich die Führer des Heeres mit dem Dogen von Venedig Heinrich Dandolo ins Einvernehmen, der ebenfalls das Kreuz genommen hatte. Mit ihm vereinbarten sie die Überfahrt nach Ägypten gegen Zahlung von 85 000 Mark Silber. Außerdem wurde der Republik ein Teil des zu erobernden Gebietes zugesagt.

Dandolo aber, ein blinder jedoch energiegeladener 95jähriger Mann, dem der Vorteil seiner Stadt und sein eigener über alles gingen, verfolgte noch ganz andere Pläne, die den Zug zu einem Unternehmen sehr weltlicher Art werden ließen. Als er merkte, dass die Kreuzfahrer die vereinbarte Summe nicht würden aufbringen können, nötigte er sie als Entgelt die nahe gelegene Adriastadt Zara zu erobern, die vor einigen Jahren von Venedig abgefallen war. Dies geschah auch im November 1202. Hier erreichten das Kreuzheer die Hilferufe des geflohenen oströmischen Prinzen Alexius, Sohn des von seinem Bruder gestürzten Kaisers Isaak Angelos. Unterstützt wurde er dabei auf Grund von verwandtschaftlichen Beziehungen von Gesandten des deutschen Königs. Heinrich Dandolo erkannte und nutzte sofort seine Chance: Es war für Venedig wesentlich vorteilhafter dem oftmals venezianischen Interessen gegenüber widerborstigen Ostrom seinen Willen aufzuzwingen, als die guten Handelsbeziehungen zu Ägypten für ein unsicheres Unternehmen aufs Spiel zu setzen. So tat der zielstrebige Doge alles, das von ihm abhängige Kreuzheer nach Konstantinopel zu bringen, zumal Alexios allen Forderungen zustimmte bis hin zur Wiedervereinigung mit der Westkirche.

Den Winter verbrachte das Heer in Zara und erschien erst Ende Juni 1203 am Bosporus. Infolge der schwachen Gegenwehr gelang schon Mitte Juli der Sturm auf die Stadt, aus welcher Kaiser Alexius III. entwich. Mit seiner Flucht brach das ganze System zusammen. Die hohen Militärs hoben nun wieder den blinden Isaak Angelos auf den Thron und machten seinen Sohn als Alexius IV. zum Mitkaiser. Die Kreuzfahrer verließen die Stadt und bezogen ein Feldlager bei Pera um auf die Erfüllung der von Alexius gemachten Versprechungen zu warten. Dieser mühte sich vergeblich den finanziellen Forderungen der Lateiner nachzukommen und von einer Unterwerfung unter den Papst wollte die Bevölkerung nichts wissen. So stieß er bald auf den erbitterten Widerstand des Volkes und der herrschenden Kreise. Wortführer der Opposition wurde Alexios Dukas. Mittels einer geschickt eingefädelten Linie manövrierte er die Lateiner aus, stürzte die Angeloi, ließ Alexius IV. durch seine Diener erwürgen und sich selbst als Alexius V. zum Kaiser ausrufen. Dies geschah im Januar und Februar des Jahres 1204. Der alte Kaiser Isaak Angelos war während der Wirren gestorben.

Die Kreuzfahrer waren jedoch nicht gewillt, sich durch die neuen Verhältnisse um ihre erwartete Beute bringen zu lassen und begannen einen neuen Sturm auf Konstantinopel. Der erste Angriff am 9. April scheiterte noch am diesesmal entschiedenen Widerstand der Verteidiger. Der erneute Ansturm vom 12. April jedoch gelang. Einem französischen Ritter von mächtiger Gestalt namens Peter de Amiens gelang es ein Tor aufzusprengen durch welches die Masse der Kreuzfahrer in die Stadt flutete. Alexius V. suchte sein Heil in der Flucht. Noch in der Nacht wurde ein neuer Kaiser ausgerufen, der Schwiegersohn von Alexius III. Theodor Laskaris. Allein dieser überzeugte sich von der Unmöglichkeit weiteren Widerstandes und rettete sich ebenfalls nach der asiatischen Seite hinüber. Nun verwüsteten die "christlichen Jerusalempilger" in einer beispiellosen dreitägigen Pünderungs- und Zerstörungsaktion die mit antiken und mittelalterlichen Kulturgütern und Reichtümern angefüllte Stadt. Als menschliche Habgier und Zerstörungswut sich gesättigt hatten, schritt man an die Verteilung der Beute. Geraubtes Land und Gut wurden zu gleichen Teilen an die Republik Venedig und die Kreuzzugsteilnehmer verteilt. Außerdem waren Entscheidungen zur Neueinrichtung des eroberten Reiches zu fällen, da mit der Flucht Alexius' V. jegliche bisherige Staatsgewalt zusammengebrochen war und die Kreuzzügler nicht willens waren eine neue oströmische Regierung zu dulden.

Am 9. Mai 1204 wurde Graf Balduin von Flandern einstimmig von einem Wahlmännerkollegium zum Kaiser des neuen Reiches Romania bestimmt, besser bekannt unter dem Namen Lateinisches Kaiserreich. Die Macht des neuen Kaiser war von vornherein durch einen ihm beigeordneten Staatsrat und ein oberstes Gericht stark eingeschränkt. Die unmittelbare Verfügungsgewalt des neuen Kaisertums erstreckte sich dabei lediglich auf das thrakische Hinterland Konstantinopels und die gegenüber liegende kleinasiatische Küste. Die übrigen Territorien wurden nach dem Muster der syrischen Kreuzfahrerstaaten eingerichtet, die sich in einem lockeren Lehensverhältnis zum lateinischen Kaisertum befanden. Es waren dies: 1. Das Königreich Thessalonike in Makedonien und Thessalien; 2. Das Herzogtum Athen in Attika und Böotien; 3. Das Fürstentum Achaia auf dem Peloponnes.
Die Venezianer erhielten mit dem lateinischen Patriarchat das zweitwichtigste Staatsamt und Teile Konstantinopels. Außerdem setzten sie sich in Besitz der wichtigsten Inseln und Häfen des ehemaligen oströmischen Reiches, was ihnen auf Jahrhunderte die merkantile Dominanz in diesem Raum sichern sollte.

Von einer Unterstützung, welche von diesem schütteren Staatsgebilde aus der christlichen Herrschaft in Syrien und Palästina zugute gekommen wäre, konnte keine Rede sein. Das neue Reich hatte die größte Mühe, sich der alten Feinde Ostroms zu erwehren, der Bulgaren und Seldschuken, zu denen sich der Hass der einheimischen Bevölkerung und die griechischen Nachbarstaaten gesellten. Auf dem nicht eroberten Territorium Ostroms hatten sich nämlich Angehörige und Anhänger der gestürzten Dynastie behaupten und neue Feudalstaaten bilden können, die den lateinischen Baronen höchst gefährlich wurden.
Es waren dies: 1. In Westgriechenland das Despotat Epeiros unter Michael Angelos; 2. Im Westen Kleinasiens das Kaiserreich von Nikaia unter Theodor Laskaris und 3. Im Norden Kleinasiens das Kaiserreich Trapezunt unter den Komnenen Alexios und David. In ihrer auf Restauration Ostroms gerichteten Politik konnten sie auf die Unterstützung der Bevölkerung und der von den westeuropäischen Baronen verdrängten Oberschicht rechnen. Aber die Rivalität zwischen Epeiros und Nikaia schützte die lateinischen Kaiser zunächst vor einem konzentrierten griechischen Angriff.