Überblick

Die Situation im Osten des Heiligen Römischen Reiches war seit dem Beginn des 15. Jh. durch den Niedergang des an inneren Widersprüchen krankenden Ordensstaates einerseits und durch die Festigung des polnisch-litauischen Königtums andererseits gekennzeichnet. Die ritterschaftliche Korporation mit den organisatorischen und ideologischen Prinzipien der Kreuzzugszeit war unfähig, das Verhältnis zwischen Landesherrschaft und Ständen, das unvermeidlich auch im Ordensstaat akut wurde, konstruktiv zu lösen. Obwohl der Orden eine Sonderstellung innerhalb der Feudalgesellschaft einnahm, stand er nicht außerhalb der feudalen Gesellschaftsstruktur. Das Rittertum und die Kirche verfielen und mit ihm auch der ideologische Nimbus des "Heidenkampfes". Der versiegende Siedlerstrom von außen musste durch Binnensiedlung ausgeglichen werden, was eine stärkere Orientierung auf die bereits ansässige Bevölkerung erforderte. Innerhalb des Landes nahm das ökonomische Gewicht der Städte zu, und im Orden begannen sich Tendenzen zu privaten Sonderinteressen einzelner Gruppen und Amtsträger auszubreiten.

In dieser inneren Konfliktsituation wurde die erste entscheidende Auseinandersetzung mit dem seit 1385/86 in einer Kronunion vereinigten polnischen und litauischen Feudalstaat zum Wendepunkt in der Geschichte des Ordensstaates. Der nach der Niederlage bei Tannenberg mit Mühe nochmals restaurierte Ordensstaat konnte den status quo ante nicht wiederherstellen. Die Umstellung auf neue Grundlagen, die nur auf einem Kompromiss mit den Ständen beruhen konnten, war außerordentlich mühsam und blieb letztlich ungenügend, da dazu eine grundlegende Veränderung der Struktur der Ordensherrschaft erforderlich gewesen wäre.
Die folgende Periode vom ersten Thorner Frieden (1411) bis zum Zusammenbruch des selbständigen Ordensstaates im dreizehnjährigen Krieg zwischen dem Orden und den preußischen Ständen sowie Polen (von 1454 bis 1466) ist durch den fortschreitenden inneren Verfall des Ordens, durch seine verschärften Auseinandersetzungen mit den Ständen und nach außen durch den abwechselnd latenten und offenen Konflikt mit Polen-Litauen gekennzeichnet.

Im Innern führten die verschiedenen Versuche der Hochmeister, durch einen Ausgleich mit den Ständen oder durch Reformen neue Grundlagen der schwer erschütterten Landesherrschaft zu schaffen, zu keinem dauernden Erfolg. Ein schleichender Disziplinverfall kennzeichnete im übrigen das Bild der Auflösung und Zersetzung.

Im Jahre 1440 schlossen sich größere Teile des Landadels und 19 Städte vor allem des Kulmerlandes und Pommerellens zum Preußischen Bund zusammen, um gegenüber dem Hochmeister ihre Rechte zu wahren.
Als der Preußische Bund nach einem Prozess 1453 von dem kaiserlichen Gericht in Wiener Neustadt für rechtswidrig erklärt wurde, brach der allgemeine Aufstand der Stände gegen die Ordensherrschaft aus. Danach aber wurde das Land über ein Jahrzehnt lang durch kriegerische Auseinandersetzungen verwüstet, die sich mehr und mehr zu einem Ermattungskrieg entwickelten, in dem es kaum größere Gefechte gab und in dem zuletzt die weiterreichenden Ressourcen der Gegner des Ordens, vor allem der großen preußischen Städte, den Ausschlag gaben.
Der zweite Thorner Frieden von 1466 bedeutete das Ende des Ordensstaates in seiner bisherigen Form. Der ganze westliche Landesteil, in Zukunft das königliche (polnische) Preußen, einschließlich der Städte Danzig, Thorn und Elbing, sowie das Bistum Ermland sowie die Marienburg kamen unter polnische Oberhoheit. Der Orden behielt Ostpreußen mit Königsberg, das zum neuen Hochmeistersitz wurde. Die Hochmeister waren aber in Zukunft bei Amtsantritt zur Leistung eines Treueides und zur Heerfolge an den König von Polen verpflichtet.
("Deutsche Geschichte in zwölf Bänden", Band 2, S. 427-429)

Die folgenden Jahrzehnte bis zur Reformation waren von einer mühsamen Konsolidierung der verbliebenen preußischen Ordensterritorien vor allem im wirtschaftlichen Bereich und der erfolgreichen Abwehr äußerer Gefahren vor allem in Livland gekennzeichnet. Die Reformation erfasste vor allem Ostpreußen mit einer solchen Wucht, dass dem Orden binnen kürzester Zeit der gesamte Unterbau wegbrach. Deshalb entschloss sich der letzte Hochmeister im Jahre 1525 das Ordenskleid abzulegen, den Orden im Lande selbst aufzuheben und statt dessen Ostpreußen als erbliches Herzogtum unter polnischer Lehnshoheit zu regieren. Im nun völlig vom Reich abgeschnittenen Livland konnte sich die durch die Reformation ebenfalls schwer erschütterte Ordensherrschaft noch bis 1558/61 halten, ehe sie auch hier im Gefolge des Livländischen Krieges von übermächtigen Gegnern hinweggefegt wurde.

Nach dem Ende der Ordensherrschaft im Baltikum übernahm im Reich der Deutschmeister die Funktion des Hochmeisters. Obwohl dem Orden bei der Abwehr der Türken im 16. und 17. Jh. eine neue Rolle zuwuchs, war auch hier die Situation von einem allmählichen Niedergang und Zerfall seiner Herrschaft gekennzeichnet. Die Zahl der Balleien sowie der Mitglieder sank kontinuierlich. Reformversuche verschiedener Hoch- und Deutschmeister und mehrfache Überarbeitung der Ordensregel brachten nicht die Wende. Im Gefolge der französischen Revolution und Aggression verlor der Orden bis 1809 alle seine Territorien und Güter außerhalb Österreichs. Auch die nachnapoleonische Zeit brachte keine Besserung der Lage. Weder wurden enteignete Besitztümer zurückgegeben noch gelang es dem Orden eine dem direkten Zugriff des Hauses Habsburg gegenüber unabhängigere rechtliche Stellung zu erlangen. Weitere Reformversuche (Wiedereinrichtung des Schwesterninstitutes, P. Peter Rigler) zeitigten kaum Ergebnisse oder scheiterten schon im Ansatz. Trotz Einführung neuer fortschrittlicher Methoden und Erfolge vor allem im Feldlazarettdienst schwand seine Bedeutung weiter; in der Öffentlichkeit wurde er nur noch als "Hausorden" zur persönlichen Verfügung der Habsburger wahrgenommen. Bis zum Ende des 1. Weltkrieges sank die Zahl der Ordensritter auf 5. Die Zahl der Priester betrug ca. 90, die der Ordensschwestern um 300.

Diese unhaltbaren Zustände machten eine grundlegende Neustrukturierung des Deutschen Ordens erforderlich, wenn er nicht obsolet werden sollte. Nach längeren Auseinandersetzungen über seine Fortexistenz wurde 1929 vom Papst endgültig die neue Ordensregel bestätigt, welche den Orden in einen reinen Priesterorden mit ausschließlich karitativen Aufgaben umwandelte. Als solcher ist er bis heute und in den letzten Jahrzehnten mit zunehmendem Erfolg im deutschsprachigen Raum, Tschechien, der Slowakei, Italien und Slowenien tätig.

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