Schlacht bei Tannenberg 15.07.1410

Auf Grund früherer Erfahrungen glaubte Ulrich von Jungingen zu wissen, an welcher Stelle die polnisch-litauischen Truppen in Preußen einfallen würden und versammelte daher seine Heerscharen allmählich im östlichen Kulmerland bei Kauernick, wo er ein befestigtes Lager errichten ließ. Hier sollte auch das Eintreffen der Söldnertruppen aus dem Reich sowie des heranrückenden pommerellischen Korps unter dem Schwetzer Komtur Heinrich von Plauen abgewartet werden.

Nachdem das litauische Heer Anfang Juli 1410 bei Tscherwinsk nordwestlich von Warschau zum polnischen gestoßen war, zog die verbündete Streitmacht in nördlicher Richtung gegen das Ordensland. Am 6. Juli überschritt sie bei Lautenburg die preußische Grenze. Am 8. und 9. Juli wurden die Festungen Neidenburg (Nidzica), Soldau (Dzialdowo) und Lautenburg (Lidzbark) genommen. Am 10. Juli erreichte das Heer bei Kauernick den kleinen Fluß Drewenz und erblickte am anderen Ufer das in eine günstige Position einrückende Ordensheer; Palisaden und Geschütze deckten seine Aufstellung. Angesichts der für ihn unvorteilhaften Lage beschloß der polnische König, der nominell den Oberbefehl führte, nicht über den Fluß zu setzen und die angebotene Schlacht anzunehmen, sondern ihn an seiner Quelle zu umgehen und von dort aus weiter in das Ordensgebiet vorzudringen. So führte er seine Truppen nach Lautenburg zurück und von da weiter nach Osten Richtung Soldau. Von dieser Vorgehensweise überrascht, brach das Ordensheer seinerseits die Zelte ab, ging bei Bratian über die Drewenz und bezog am 13.07 Stellung bei Löbau. Am selben Tage erschien Jagiellos Heer unerwartet vor Gilgenburg, stürmte, plünderte und verwüstete es. Als der Hochmeister von Flüchtlingen aus der Stadt die Kunde von Gräueltaten der feindlichen Truppen erhielt, befahl er noch in der Nacht vom 14. zum 15. Juli den Aufbruch nach Osten. Nach einem nächtlichen Gewaltmarsch, behindert durch heftigen Regen und Gewittersturm, erreichte das Ordensheer am Morgen des 15. 07. völlig erschöpft das Gelände südlich von Tannenberg.

Quellen

Die historische Überlieferung über die hier entbrennende große Schlacht beruht vor allem auf den in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts niedergeschriebenen Historiae Polonicae des Krakower Domherrn und späteren Erzbischofs Jan Dlugosz. Er behandelt die Geschichte des polnischen Königreichs und seiner Nachbarländer und geht in den letzten Teilen auf den Krieg zwischen dem Orden und Polen-Litauen ein. Von deutscher Seite enthalten die Magdeburger Schöppenchronik und Detmars Lübecker Chronik einige zeitgenössische Nachrichten über die Schlacht. Allerdings sind Berichte von Augenzeugen im Quellenmaterial nicht nachweisbar.

Das Ordensheer

Der Deutsche Orden verfügte am Anfang des 15. Jahrhunderts über eine der stärksten Armeen Europas. Wie der Ordensstaat eine hierarchisch festgegliederte Organisation besaß, so wies auch seine Militärverfassung straffere Züge auf als die anderer Länder. Den Kern des Heeres bildete die gepanzerte Reiterei der dienstpflichtigen Ordensritter und der Lehnsmannen des Ordens, die mit berittenem Gefolge erschienen. Auch konnte der Hochmeister deutsche Bauernsiedler aufbieten, die Land gegen die Verpflichtung erhalten hatten, im Krieg als Reiter oder als Fußkämpfer mitzuziehen, vornehmlich jedoch um Gespanndienste zu leisten. Die Städte im Ordensgebiet stellten ebenfalls Kontingente. Durch seine Verbindungen zu weltlichen und geistlichen Gewalten in Mittel- und Westeuropa konnte der Orden weitere Rittersöldner für seine Kriegszüge gewinnen. Solches geschah auch 1409/10.

Das Ordensheer bei Grunwald zählte rund 11 000 Mann, darunter etwa 4000 Ritter, 3000 berittene Gefolgsleute und 4000 berittene Armbrustschützen, die aber zur Schlacht absaßen. Die entscheidende Waffengattung waren die Ritter, die Lanze und Schwert führten und einen Plattenharnisch mit Eisenhaube trugen; auch die Pferde wurden zumeist durch einen so genannten Roßharnisch geschützt. Organisatorisch gliederten sich die Berittenen in Fähnlein von etwa 100 bis 200 Reitern; ihre zahlenmäßige Stärke schwankte häufig, zumal sie keine taktische Einheit bildeten; während der Schlacht dominierte eindeutig der Zweikampf. Das Fußvolk hielt sich bei der Wagenburg auf. Das Ordensheer hatte zunächst eine drei Linien tiefe Aufstellung bezogen. Da aber die Front des polnisch-litauischen Heeres breiter war, gruppierte der Hochmeister Ulrich von Jungingen die drei Linien in zwei längere um. Den rechten Flügel bildeten 20 Fähnlein unter Lichtenstein den linken 15 Fähnlein unter Wallenrode. 16 Fähnlein blieben in der Reserve. Vor der Schlachtordnung war die Artillerie postiert, schwerfällige Steinbüchsen, die Stein- und Bleikugeln verschossen.

Polen und Litauer

Die polnisch-litauische Streitmacht wies eine ähnliche Organisationsstruktur auf So bildete auch in ihr die gerüstete Reiterei des polnischen Adels und der litauischen Fürsten die Masse des Heeres. Insgesamt bezifferte es sich auf 17000 bis 18000 Mann. Darunter befanden sich 51 polnische Fähnlein, 40 litauische und 3000 Mann tatarische Reiterei. In den polnischen Fähnlein kämpften Ritter aus Böhmen, Mähren, Schlesien und Ungarn mit; zum litauischen Heer gehörte eine Anzahl russischer Fähnlein aus den damals zu Litauen gehörenden Gebieten um Smolensk und Witebsk. Die polnisch-litauische Armee war in drei Linien aufmarschiert. Am rechten Flügel standen die von Großfürst Witold befehligten Tataren, Litauer und Russen, am linken die Polen unter dem Kommando Zyndrams von Maszkowice. Die gesamte Frontlinie war etwa 2,5 Kilometer lang.

Der Beginn

Der Kampf begann am 15. Juli gegen Mittag. Zuvor hatte der Hochmeister dem polnischen König zwei Schwerter überbringen lassen und nach altem Ritual die Schlacht angesagt. Das Geschütz des Ordensheeres feuerte, aber die Wirkung war sehr gering, da ein gewittriger Regenguß das Pulver angenässt hatte. Auf der Gegenseite brachte ein Angriff der Tataren, die ungeordnet losgaloppierten und die Kreuzritter mit Pfeilen überschütteten, die zumeist von den Rüstungen abprallten, ebenfalls nichts ein. Danach ging der linke Flügel des Ordensheeres vor, fällte die Lanzen und schlug die Tataren in die Flucht. Die Kreuzritter brachen in die Schlachtordnung des rechten, litauisch-russischen Flügels ein und drängten ihre Gegner in hartem Ringen zurück; ein Teil der russischen Fähnlein hielt unter großen Verlusten die Front. Ob und inwieweit die Flucht von Teilen des litauischen Heeres eventuell taktisch motiviert war, um die geschlossene Schlachtordnung von Wallenrodes Flügel zur Auflösung zu bringen, lässt sich gegenwärtig nicht mit Sicherheit bestimmen. Jedenfalls war ein Teil der Litauer auf dem Wendepunkt der Schlacht überraschend schnell wieder auf dem Felde.

Der Wendepunkt

Inzwischen war auch der andere Flügel zum Kampf angetreten. Zyndrams Fähnlein fingen den Ansturm der Kreuzritter auf. Erbitterte Kämpfe der ersten Linie vor allem im Zentrum um die polnische Königsfahne, die von den Ordensstreitern erbittert berannt wurde, kennzeichneten den Höhe- und Wendepunkt der Schlacht. Als sich die Waage schon zugunsten des Ordensheeres zu neigen schien, gelang es Witold, neue Fähnlein aus der zweiten und dritten Linie heranzuführen und durch sie den Widerstand der schwer ringenden ersten Linie noch zu verstärken. Der bei der Verfolgung des weichenden Gegners zu sehr in Unordnung geratene linke deutsche Flügel war jetzt zu weiterem Vorrücken nicht mehr fähig. Für die vom Nachtmarsch ohnehin ermüdeten Kreuzritter wurde die Lage jetzt zunehmend kritisch. Jetzt wurde der Angriff zur Sache der Litauer.

Das Ende

Entgegen dem Rat der Großgebietiger sich in Sicherheit zu bringen, rückte Ulrich von Jungingen zwar noch mit seiner Reserve vor, um die Polen und Litauer zu umfassen und ihnen in den Rücken zu fallen; da ritt jedoch die dritte polnisch-litauische Linie vollständig heran und wies diesen letzten Angriff zurück. Zudem kam es jetzt noch in den eigenen Reihen zum Verrat, mindestens jedoch zu Feigheit vor dem Feind: Der Bannerführer des kulmischen Adels, Nickel von Renys gab seinen Leuten das Zeichen zum Rückzug. Am späten Nachmittag war die Entscheidung gefallen.
Das Ordensheer wich: Nachdem ihr Hochmeister, sämtliche Großgebietiger und über zweihundert Ritterbrüder im Getümmel gefallen waren, suchten die Kreuzritter ihr Heil in der Flucht. Die Wagenburg, in der ein Teil ihres Heeres Schutz zu finden glaubte, wurde von den Polen und Litauern erstürmt. Zum Zeichen des Sieges und sehr wahrscheinlich auf Grund ihrer Erschöpfung lagerten sie drei Tage auf der Walstatt, anstatt die Reste des Ordensheeres zu verfolgen.

Die Schlacht hatte auf beiden Seiten zu schweren Verlusten geführt. Genaue Angaben sind nicht überliefert, die Chronisten sprachen von 50000 oder gar 100000 Mann an Toten, Verwundeten und Gefangenen. Diese Zahlen sind wie andere in mittelalterlichen Quellen auch - stark übertrieben. Allerdings lassen sie den Eindruck erkennen, den die zweifellos hohen Ausfälle beider Seiten auf die Zeitgenossen machten. Man geht von insgesamt 4000 - 5000 Gefallenen aus.

Das Fußvolk trat bei Tannenberg kaum in Erscheinung. Die neue Feuerwaffe, die Artillerie, war zwar schon in Gebrauch, übte jedoch noch keinen spürbaren Einfluß auf den Verlauf der Feldschlacht aus, und sein für die Zeitverhältnisse beachtlicher Geschützpark bewahrte den Orden nicht vor der Niederlage. In der Militärgeschichte steht Tannenberg/Grunwald am Ausgang der Ritterzeit. In West- und Mitteleuropa kündigte sich im 15.Jahrhundert bereits eine Vielzahl von neuen Erscheinungen im Heerwesen und in der Kriegführung an; in Osteuropa, wo die feudale Ordnung von den Ansätzen frühkapitalistischer Wirtschaftsweise noch weitgehend unberührt blieb, begann sich das Militärwesen erst in der Folgezeit zu wandeln.

Der Ordensstaat überlebte seinen Mißerfolg und einen relativ milden Friedensschluß (1411) um mehr als ein Jahrhundert; seine Rolle als Missions- und Machtfaktor in Nordosteuropa aber hatte er ausgespielt. Die Führungsrolle in diesem Raum fiel dem polnisch-litauischen Großstaat der Jagiellonen zu.