Livland 1198-1260

Noch während der gerade entstandene Deutsche Orden im Heiligen Lande mühsam um seinen Platz im Gefüge der dortigen Machtverhältnisse rang, bahnten sich im nördlichen Baltikum Ereignisse den Weg, die in der Folgezeit für den Orden von herausragender Bedeutung sein würden.
Seit der Mitte des 12. Jh. gewannen nämlich die nordwestdeutschen Handelsstädte zunehmend Einfluss auf den Fernhandel im Nord- und besonders Ostseeraum. Ähnlich den italienischen Stadtstaaten des Mittelmeeres suchten sie sich die Kraft der Kreuzzugsbewegung für ihre sehr profanen Interessen bei der Suche nach neuen Absatzmärkten, Niederlassungen und Kolonien nutzbar zu machen.
So wurden seit etwa 1180 hauptsächlich von Bremen und Gotland aus erste Missionierungsversuche an den aus verschiedenen Völkern zusammengesetzten Balten unternommen, die bis dahin lediglich in einem lockeren Tributärverhältnis zu benachbarten russischen Fürstentümern standen. Alle diese Anstrengungen, ob nun friedlich oder gewaltsam unternommen, scheiterten jedoch bis im Jahre 1199 Erzbischof Hartwig von Bremen den Domherren Albert zum nunmehr dritten Bischof von Livland (genauer von Üxküll) ernannte.

Albert von Buxhövden und die Schwertbrüder

Der neue Bischof erschien im Frühjahr 1200 mit einem starken Kreuzheer vor der livländischen Küste und verschaffte sich flussaufwärts schnell Geltung. Albert von Buxhövden entstammte einem alten Bremer Ministerialengeschlecht und war ein Mann von politischem Weitblick, diplomatischem Geschick und nicht zuletzt von außergewöhnlich guter Gesundheit. Da ein dauerhafter Erfolg von einer guten Erreichbarkeit seines Gebietes auf dem Seeweg abhing und Üxküll für hochseetaugliche Schiffe unzugänglich war, ließ er 1201 an der Dünamündung die Stadt Riga gründen und verlegte auch den Bischofssitz dahin.
1202 stiftete er zusammen mit dem Abt Theoderich von Treiden den geistlichen Orden der Ritter Christi von Livland, nach ihrem Kennzeichen besser bekannt als Schwertbrüderorden. Seine Mitglieder rekrutierten sich in erster Linie aus dem niederen Adel Nordwestdeutschlands (auch nach seinem Aufgehen im Deutschen Orden) und waren dazu bestimmt, Alberts Neuerwerbungen militärisch abzusichern bzw. die Eroberung des nördlichen Baltikums zu vollenden.
Bis 1207 unterwarfen sich die Liven endgültig der neuen Landesherrschaft und ließen sich taufen, wenig später folgten die Letten. Schwieriger gestaltete sich die Unterwerfung der Esten. Jedoch fand Albert einen Bündnispartner in König Waldemar II. von Dänemark. Diesem gelang es in schweren Kämpfen bis 1219 die Esten zu unterwerfen. Auf Grund innenpolitischer Schwierigkeiten in Dänemark musste er jedoch Estland schon kurz darauf den Schwertbrüdern überlassen. Nach der Niederwerfung eines 1223 mit russischer Unterstützung ausgebrochenen Aufstandes befand sich bis 1227 das gesamte spätere Lettland und Estland fest in der Hand der Kreuzritter.

Die Entstehung der Livländischen Konföderation

Schon 1207 war es zu Streitigkeiten zwischen Bischof Albert und den auf mehr Unabhängikeit bedachten Schwertbrüdern um die Verteilung der Beute gekommen. Der darauf folgende päpstliche Schiedsspruch sprach dem Orden ein Drittel des bis dahin gewonnenen Gebiets zu bei gleichzeitiger Auflage sich bei noch zu erwerbenden Gebieten von vornherein friedlich mit den Bischöfen zu einigen. Nach Abschluss der Unterwerfung Altlivlands war die Aufteilung des Besitzes zwischen Orden und Bischöfen etwa Folgende:

Schwertbrüderorden: 67000 km² 62%
Ebm. Riga: 19000 km² 18%
Bm. Dorpat: 9600 km² 9%
Bm. Ösel-Wiek: 7600 km² 7%
Bm. Kurland: 4600 km² 4%

Diese Gebietsaufteilung blieb bis zum Ende der Ordensherrschaft 1561 im wesentlichen unverändert. Mit der Abwehr eines ersten päpstlichen Versuches aus Livland einen (wenn auch weitgehend autonomen) Teil des Kirchenstaates zu machen, befanden sich die Schwertbrüder um 1230 auf der Höhe ihrer Macht. (Landkarte)

Das Ende des Schwertbrüderordens

Mit dem etwa zur selben Zeit beginnenden Aufstieg Litauens erwuchs dem Orden jedoch ein gefährlicher Gegner. Während der wechselvollen Kämpfe in Kurland erlitt er in der Schlacht bei Schaulen 1236 eine vernichtende Niederlage und wurde fast völlig aufgerieben. Auf den Hilferuf der verbliebenen Brüder reagierte der Heilige Stuhl indem er 1237 den Orden auflöste und seine Überreste dem zur gleichen Zeit erfolgreich in Preußen vordringenden Deutschen Orden inkorporierte. Die überkommene Organisation und Landesverfassung blieben bestehen, ebenso die innere Autonomie als eigenem Zweig des Deutschen Ordens mit einem Ordensmeister an der Spitze (neue Bezeichnung: "Deutscher Orden zu Livland"). Dem aus Preußen herbeigeeilten neuen Landmeister Hermann Balk gelang es innerhalb kurzer Zeit die wankende Ordenssherrschaft zu stabilisieren und das bedrohte Land nach außen abzusichern. Allerdings musste er nach einem neuerlichen päpstlichen Schiedsspruch das nördliche Estland wieder den Dänen übergeben (Vertrag von Stenby 1238).

Die weitere Entwicklung Livlands unter dem Deutschen Orden (1237-1260)

Die Inkorporation der Schwertbrüder in den Deutschen Orden und ihre damit gleichzeitige Herauslösung aus der Abhängigkeit des Erzbischofs von Riga führte zu lang anhaltenden Reibereien und Konflikten mit demselben und den übrigen Bischöfen des Landes, die immer neu entflammten und sich bis weit in die zweite Hälfte des 14. Jh. hinzogen.

Zu Beginn der vierziger Jahre geriet der Ordensstaat in Konflikt mit mit seinen anderen mächtigen Nachbarn, den reichen russischen Stadtrepubliken Pleskau und Nowgorod. Der neue Landmeister Andreas von Velven versuchte nun mit einem überraschenden Angriff die Entscheidung herbeizuführen. Sein kleines Heer, das nur aus wenigen hundert Rittern bestand und von einigen estnischen und anderen finno-ugrischen Hilfsvölkern aus Ingermanland unterstützt wurde, erlitt jedoch am 05.04.1242 am Ostufer des Peipussees gegen die wohl vorbereiteten und vereint auftretenden Russen unter der geschickten Führung Alexander Newskis eine vernichtende Niederlage.
Für den Ordensstaat hatte dieser Ausgang zwar keine unmittelbar nachteiligen Konsequenzen, jedoch schwebte über Livland ständig eine gewisse Bedrohung durch die Russen, die jedoch erst seit Beginn des 16. Jh. akut werden sollte. Der Orden beschränkte sich in seiner Politik gegenüber seinen östlichen Nachbarn auf die Verteidigung wovon die Errichtung gewaltiger Festungsanlagen (u.a. Narwa, Marienburg i.Livl.) zeugt.

Seit Mitte des 13. Jh. versuchten die livländischen Brüder durch Burgenbau und Erwerb westlitauischer Territorien eine dauerhafte Landverbindung mit dem Ordensland Preußen herzustellen (1252 Gründung der Ordensburg Memel von Livland aus). Der so neu entflammte Konflikt mit den Litauern gipfelte 1260 in der Schlacht bei Durben in Kurland, von der es zwar nur wenige Quellen gibt, die wohl aber die schwerste und verlustreichste Niederlage des Ordens in seiner Geschichte darstellt. Obwohl sich daraus keinerlei negative Folgen für die Ordensherrschaft ergaben, so blieb doch die ersehnte Landbrücke nach Preußen damit vorerst für viele Jahrzehnte Wunschtraum.